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Energiewirtschaftliche und klimapolitische Bedeutung von Laufzeitverlängerungen

Eine Laufzeitverlängerung für alle deutschen Kernkraftwerke hätte kaum Auswirkungen auf den Strompreis. Die Kernkraftwerksbetreiber würden lediglich größere Gewinne erzielen. Durch den Ausstiegsbeschluss kann die Energiewirtschaft hingegen die Alternativen gut planen, was sich wiederum positiv auf die Versorgungssicherheit in Deutschland auswirkt. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, braucht Deutschland die Kernenergie jedenfalls nicht, denn es gibt ausreichend Alternativen. Für einen Erfolg der deutschen Klimaschutzbemühungen ist eher entscheidend, dass die Politik den Rahmen für einen dauerhaften Umbau des Energiesystems setzt. Fazit: Zeitlich begrenzte Maßnahmen wie eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke können hier eher dazu beitragen, dass eine existierende Dynamik gebremst und die deutsche Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz untergraben wird.

s. Bild 17: Nettostromerzeugung in deutschen KKW nach dem Auslaufmodell des AtG 2002 (ohne Laufzeitverlängerung)

Seit einigen Monaten diskutieren Politiker und Experten in Deutschland wieder intensiv darüber, die Laufzeiten von allen deutschen Kernkraftwerken zu verlängern. Hierfür führen sie unterschiedliche Argumente ins Feld. So sollen mit längeren Laufzeiten die Strompreise für den Endkunden sinken. Weiterhin sollen längere Laufzeiten in der Bundesrepublik eine sichere Energieversorgung garantieren. Die Kernkraftwerke seien unverzichtbar, um die ambitionierten deutschen Klimaschutzziele zu erreichen, lautet eine weitere Begründung. Was ist von diesen Argumenten zu halten?

Stichtwort Strompreis:

Die Strompreise werden nicht durch die mittleren Erzeugungskosten bestimmt. Vielmehr legt das teuerste Kraftwerk, das zur Deckung des Bedarfs gerade noch benötigt wird, mit seinen Betriebskosten den Marktpreis fest (vgl. Abbildung 17). Für Deutschland bestimmen je nach Lastbereich ältere Steinkohle- oder Erdgaskraftwerke diesen so genannten Grenzkostenpreis. Wenn Kraftwerke vom Netz gehen, dann werden sie durch wirtschaftlich konkurrenzfähige Anlagen ersetzt – beispielsweise Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Wenn diese neuen Anlagen Strom zu Preisen unterhalb des Grenzkostenpreises anbieten können, werden sich die deutschen Strompreise durch das Abschalten der Kernkraftwerke nicht wesentlich verändern. Abhängig davon, wie sich der Kraftwerkspark künftig zusammensetzt, können sich insbesondere mittel- und langfristig auch komplexere Folgen für die Brennstoff- und CO2-Preise ergeben. Wie sich eine Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke auf diese Dynamik auswirken würde, ist jedoch nicht eindeutig vorherzusagen. Voraussichtlich bleiben die Folgen jedoch eher gering und könnten sich sowohl positiv wie negativ auf die Strompreise auswirken.

Anders sieht die Situation bei den Gewinnen aus, die Energieversorger mit bereits laufenden Anlagen erzielen können. Da abgeschriebene Anlagen zu sehr geringen Betriebskosten Strom produzieren, ist die Gewinnspanne zum Grenzkostenkraftwerk relativ groß. Wenn alle heute laufenden Anlagen acht Jahre länger am Netz wären, würden die Energieversorger insgesamt 65 bis 85 Milliarden Euro Mehrertrag für sich verbuchen, so die Ergebnisse einer 2008 erstellten Studie des Öko-Instituts (Matthes 2008). Zugrunde gelegt haben die Wissenschaftler im Öko-Institut dabei einen Großhandelspreis für Strom von 70 bis 85 Euro pro Megawattstunde. Wenn die Betreiber die Kernkraftwerke nachrüsten müssten, lägen diese Investitionen voraussichtlich bei einer Größenordnung von zwei- bis dreistelligen Millionenbeträgen pro Anlage. Insgesamt würden dann immer noch erhebliche Netto-Gewinne für die Anlagenbetreiber verbleiben.

Deshalb wird bereits öffentlich diskutiert, ob diese durch längere Laufzeiten entstehenden zusätzlichen Gewinne abgeschöpft werden könnten. Dies ist aber aus verschiedenen Gründen sehr fraglich. Da beispielsweise die Gewinne zu sehr unterschiedlichen Zeiten anfallen würden, müsste dies angemessen berücksichtigt werden, um den Markt nicht zu verzerren. Ob es möglich ist, die Gewinnabschöpfung über ein Selbstverpflichtungsmodell zu regeln, sehen Experten angesichts bisheriger Erfahrungen eher kritisch. Ordnungspolitische Ansätze kommen im liberalisierten Strommarkt ebenfalls nicht in Frage, da sie den Wettbewerb stören könnten. Sollten die Gelder beispielsweise dafür eingesetzt werden, die erneuerbaren Energien auszubauen, könnte das auch zu Problemen führen. Denn diese erhalten mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz bereits umfangreiche Fördermittel. Eine echte zusätzliche Förderung mit den Gewinnen der Kernkraftwerksbetreiber wäre extrem schwierig zu gewährleisten. Alternativ wäre es möglich, mit einem Teil der Gewinne die Strompreise beim Endkunden zu senken. Würden immerhin 50 Prozent der oben angegebenen Gewinne mit einer Umlage auf alle Endverbraucher verteilt, so ergäbe sich für Haushaltskunden ein möglicher Subventionsbeitrag von rund 1,4 Prozent ihres Strompreises, bei großen Industriekunden von 3,2 Prozent. Diesen Entlastungseffekt würden die Kunden kaum bemerken.

Von den Zusatzgewinnen profitieren nur die Betreiber.

Angesichts dieser Probleme zeigt sich: Mögliche Zusatzgewinne aus einer Laufzeitverlängerung von deutschen Kernkraftwerken kommen praktisch ausschließlich den Betreibern der Anlagen, nicht jedoch dem Stromkunden oder der Gesellschaft als Ganzes zugute.

Stichwort Versorgungssicherheit:

Um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu bewerten, legt das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWI) im Rahmen einer EU-Verpflichtung alle zwei Jahre einen so genannten Monitoringbericht vor. Der letzte erschien im August 2008 und besagt, dass die Stromversorgung auch ohne Kernenergie sicher gestellt ist. Demnach müssen Kraftwerkskapazitäten aus Kernkraft und aus alten fossilen Kraftwerken von 15 Gigawatt elektrischer Leistung (GWel) bis 2015 und weitere fünf GWel bis 2020 ersetzt werden.

Zum Vergleich: Die gesamte in Deutschland installierte Kraftwerksleistung machte im Jahr 2006 124,3 GWel aus. Da manchmal die Kraftwerke wegen Ausfällen, Revisionen oder aus sonstigen Gründen nicht die volle Leistung erbringen können, lag die gesicherte Leistung bei 86,2 GWel. Die tatsächliche maximale Stromnachfrage im Jahr 2006 betrug 77,8 GWel.

Es gibt eine Reihe von Alternativen, um die abgeschalteten Kernkraftwerke zu ersetzen. Dazu gehören unter anderem der Ausbau erneuerbarer Energien, die Kraft-Wärme-Kopplung und natürlich das Energiesparen. In der Summe ergeben sich rund 40 GWel, die potentiell zusätzlich zur Verfügung gestellt werden können. Der Bau neuer fossiler Kraftwerke ist dabei noch gar nicht einbezogen (Matthes 2008).

Es kommt hinzu, dass Deutschland seit 2003 regelmäßig mehr Strom exportiert als importiert. Im vergangenen Jahr gab es sogar einen großen Exportüberschuss von 22,5 Terawatt-Stunden (TWhel) – dies entspricht etwa der Jahresproduktion der zwei größten deutschen Kernkraftwerke.

Eine mögliche Verknappung auf der Seite der Stromerzeuger müsste sich bei den Preisen an den Strombörsen widerspiegeln. Hier werden auch Verträge für zukünftige Stromlieferungen gehandelt. Bislang deutet bei den Strompreisen aber nichts darauf hin, dass es eine mögliche Stromlücke geben könnte.

Durch den Ausstiegsbeschluss gibt es für alle Marktteilnehmer klare Bedingungen, bis zu welchem Zeitpunkt sie den Strom aus Kernkraftwerken ersetzen müssen. Wenn sich dieser Beschluss ändern würde, ginge Planungssicherheit verloren. Das könnte sich wiederum negativ auf neue Investitionen und damit negativ auf die Versorgungssicherheit auswirken.

Auch die Gefahr eines schweren Reaktorunfalls in Europa spielt hier eine Rolle. Sollte es zu einem solchen Ereignis kommen, wäre es praktisch unmöglich, die Kraftwerksflotte weiter laufen zu lassen. Das hätte dann ebenfalls erheblichen Einfluss auf die Versorgungssicherheit in Deutschland und der EU.

Stichwort Klimaschutz:

Der Beitrag der deutschen Kernkraftwerke am Strommix liegt bei etwa 23 Prozent. Ihr Anteil am Primärenergieverbrauch, der die Treibhausgasemissionen bestimmt, liegt bei 11,6 Prozent, ist also relativ gering. Der überwiegende Anteil, nämlich über 80 Prozent der Primärenergie, wird von fossilen Energieträgern bereit gestellt (Stand 2008). Im Zeitraum von 1990 bis 2008 ist ein Wechsel von Mineralöl und Kohle hin zu Erdgas zu erkennen (siehe Abbildung 18). Bei den erneuerbaren Energien zeichnet sich insbesondere in den vergangenen fünf Jahren ein deutlicher Anstieg ab.

s. Bild 18: Nettostromerzeugung in deutschen KKW nach dem Auslaufmodell des AtG 2010 (mit beschlossener Laufzeitverlängerung)

Die Stromerzeugung trägt in Deutschland mit etwa 38 Prozent zu den gesamten Treibhausgasemissionen beziehungsweise mit etwa 44 Prozent zu den Kohlendioxid-Emissionen bei. Eine pauschale Laufzeitverlängerung aller Kernkraftwerke um weitere acht Jahre würde noch nicht einmal die Summe an Kohlendioxid-Emissionen einsparen können, die in einem Jahr in Deutschland entweicht. Doch würden die Emissionen tatsächlich zurückgehen?

Nein, denn der Ausstoß von Treibhausgasen bei der Stromproduktion wird in Europa über den Emissionshandel geregelt. Wenn also Kernkraftwerke in Deutschland länger laufen, ersetzen sie damit bereits eingeplante Kohlendioxid-Emissionen bei fossilen Kraftwerken in Deutschland. Somit könnten nicht in Anspruch genommene Zertifikate an Dritte verkauft werden. Damit wird andernorts der Druck reduziert, fossile Brennstoffe einzusparen. Für den Zeitraum bis einschließlich 2012 sind die Emissionsziele bereits abschließend definiert, für den Zeitraum von 2013 bis 2020 liegen grundsätzliche Regeln seit Dezember 2008 vor. Eine Entscheidung für eine Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke hätte daher auf diesen Zeitraum praktisch keinen positiven Einfluss mehr. Erst für den Zeitraum nach 2020 wäre es möglich, mit einer Laufzeitverlängerung Einfluss auf die europäischen Obergrenzen für den Emissionshandel zu nehmen. Wie sich diese jedoch zu einem solchen Zeitpunkt auswirken würden, ist aus heutiger Sicht nicht eindeutig zu erkennen.

Im Jahr 2008 machten Wind, Wasser, Biomasse oder Solarenergie etwa 15 Prozent des bundesdeutschen Stromverbrauchs aus. Bis in fünf Jahren rechnet der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft mit einem Anstieg auf rund 30 Prozent. Dazu kommen nochmals einige Prozent an Strom aus alten Wasserkraftanlagen, die sich am Markt behaupten können und nicht über das Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert werden.

Die Klimaschutzziele lassen sich ohne Kernenergie erreichen.

Insgesamt gibt es viele Möglichkeiten, um die deutschen, aber auch die europäischen und weltweiten Klimaschutzziele zu erreichen. Dazu gehören umfangreiche Vorschläge, um Energie zu sparen. Aber auch der Ausbau erneuerbarer Energien sowohl für die Stromerzeugung als auch im Wärme- und Kältebereich und im Transport zählt dazu. Neue Technologien, wie die CO2-Abtrennung und Speicherung, könnten fossile Brennstoffe klimaverträglicher machen. Zudem sollten kohlenstoffintensive Energieträger wie Kohle und Öl durch weniger CO2-intensive wie Erdgas ersetzt werden. Ebenso gehören Vorschläge aus anderen Emissionsbereichen wie der Landnutzung und Entwaldung dazu. Aus Sicht des Öko-Instituts lassen sich die Klimaschutzziele selbst dann erreichen, wenn alle Staaten weltweit auf die Kernenergie verzichten.

Um das Klima zu schützen, braucht die Welt jedoch mehr als nur einen klaren politischen Willen: Alle Staaten müssen sich gemeinsam bemühen, das Energiesystem umzubauen und die gesetzten Ziele auch zu erreichen. Darauf sollte aus Sicht des Öko-Instituts der Fokus liegen, anstatt den Ausstieg aus der Kernenergie grundlos wieder rückgängig zu machen.


Literatur:

Felix Chr. Matthes, Hans-Joachim Ziesing: Die Entwicklung des deutschen Kraftwerksparks und die aktuelle Debatte um die künftige Strombedarfsdeckung. Ein Diskussionsbeitrag. Öko-Institut e.V., Berlin, 17. April 2008.

Felix Chr. Matthes: Laufzeitverlängerungen der deutschen Kernkraftwerke und Strom-preissubventionen. Kurzanalyse. Öko-Institut e.V., Berlin, 7. Juli 2008. www.oeko.de

Felix Chr. Matthes: Über die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken. Mythos Atomkraft. Heinrich Böll Stiftung. Berlin, März 2006.

Bundesverband Erneuerbare Energie e. V. Strom-Ausbauprognose der Erneuerbare-Energien-Branche, Stromversorgung 2020, Wege in eine moderne Energiewirtschaft. Berlin, Januar 2009.

Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie: Monitoring-Bericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie nach § 51 EnWG zur Versorgungssicherheit im Bereich der leitungsgebundenen Versorgung mit Elektrizität. August 2008.

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